Lyrikpreis 2026

Die Preisträger*innen sind:

1. Preis: Ida Müermann
2. Preis: Miriam Chaudhary
3. Preis: Tonguc Baykurt

Lyrikpreis Jugend
Emilie Bollack Kirazkaya

 

Ida Müermann: Gezeitenland

Wenn das Wasser geht,
bleibt das Watt zurück
wie eine Handschrift,
die keiner endgültig lesen kann.
Zwischen den Prielen 
liegt die Zeit offen.

Die Möwen 
werfen ihre Schreie
in den Morgenwind,
und irgendwo hinter Nieblum
dreht ein alter Garten
sein Gesicht zur See.

Die Schafe
stehen wie verstreute Gedanken
im Gras,
und das Licht wandert langsam
über die Insel,
als wolle es prüfen, wer geblieben ist.

Nichts bleibt,
wie es war.

Nicht der Strand,
nicht die Dünenkante,
nicht die Menschen.
Selbst die Friesenhäuser ducken sich
tiefer gegen die Jahre.
Die Tide
löscht alle Spuren am Ufer.

Alles bleibt, 
wie es war.

Zwischen Fähren und
blinkenden Displays
bleibt die Insel langsam.
Tage gemessen
am Wechsel der Gezeiten
und nicht
am Takt der Nachrichten, die rastlos um die Welt gehen.

Alles hat seine Zeit.
Das Kommen.
Das Gehen.

 

Miriam Chaudhary: ohne Titel

die wellenlinien
der zurückgewichenen flut
im dunklen sand
erinnern an den gewellten rand
eines alten kindheitsfotos

sepia
nicht mehr alles erkennbar
nur föhr noch
und das meer
das immer wieder kommt

in den reetdächern
hängt noch licht
aus einem anderen sommer
salz auf den lippen
ein geschmack aus einer zeit
in der die sommer
endlos waren

nahe der dünen
hocken die kinder im sand
vor ihnen
ein haufen muscheln
sorgfältig geordnet
nach grösse und glanz

noch wissen sie nicht
dass das meer alles mitnimmt
die muschelburgen und fussspuren
und langsam auch
den sommer

bis die wellen
jahre später 
die erinnerungen 
wieder an land tragen

die flut
ist fast zurück

 

Tonguc Baykurt: Atemzeiten

Watt ist
kein Ort.
Es ein Rhythmus,
der mich ruft.

Ich trete ein
ins Weiche,
Haltlose,
Nachgebende.

Mein Blick
weitet sich.
Gedanken
entgleiten.

Ich atme ein.
Das Wasser kommt.
Ich atme aus.
Das Wasser geht.

Die Wellen
kommen,
sie löschen
die Spuren.

Die Wellen
gehen.
Alles
auf Anfang.

Himmel und Horizont
verweben sich
in Unendlichkeit.
Die Zeit löst sich.

Kein Gestern.
Kein Morgen.
Nur Jetzt.

Ein.
Aus.

Bis das Ich
leiser wird,
sich verliert.
Stille.
Ebbe.

Ich bin leer.
Ich bin Meer.
Im Rhythmus der Gezeiten,
zwischen Ebbe
und Föhr.

 

Emilie Bollack Kirazkaya: GEZEITENPROTOKOLL FÖHR

Die Insel wird zweimal täglich überprüft.

Nicht von Menschen.
Vom Wasser.

Aktenzeichen: Sand.
Status: vorübergehend fest.

Um 04:17
ist Föhr größer als sich selbst.

Felder liegen frei,
als hätte jemand
die Erde kurz vergessen zuzuklappen.

Ich gehe über einen Grund,
der sich noch nicht entschieden hat,
ob er Boden sein will.

Ein Schritt:
Verhandlung.

Zwei Schritte:
Rücknahme.

Das Watt schreibt mit,
aber ohne Stift.

Es benutzt Körper.

Hunderttausend kleine Beweise,
die nicht bleiben dürfen.

Dann kommt die Flut.

Nicht als Rückkehr,
sondern als Korrektur.

Alles, was sichtbar war,
wird wieder Möglichkeit.

Die Karte schweigt.

Sie ist nicht gemacht
für das, was sich bewegt,
während man hinsieht.

Auf Föhr lernt man Zeit
nicht als Linie.

Sondern als Zustand,
der vergessen hat,
ob er gerade beginnt
oder endet.