Der Föhrer Lyrik-Preis 2025
Zum vierten Mal wurde im Jahr 2025 der “Föhrer Lyrikpreis” ausgeschrieben und vergeben. Zwischenzeitlich hat sich der Wettbewerb zu einem vielbeachten Forum für zeitgenössische Lyrik zu unterschiedlichen Themenfeldern entwickelt, die stets einen engen Bezug zur Insel Föhr aufweisen.
Im Jahr 2025 lautete das Thema des Wettbewerbes “Sturm und Stille”.
Zur Jury unter dem Vorsitz des Lyrikers Peter M. Röhm gehörten Amelie Ahrens, Jochen Gemeinhardt und Britta-Cathleen Krebs. Sie bewerteten die Einsendungen und wähtlen drei Gedichte aus, die mit einem Preis ausgezeichnet wurden.
Den ersten Preis erhielt Caroline Kaum für ihr Gedicht “Vielleicht”. Den zweiten Platz belegte Joshua Clausnitzer mit “Ein Inselgedicht”. Über den dritten Platz freuen durfte sich Anna Derksen mit ihrem Werk “Rossschädel.”
1. Preis
Vielleicht – Caroline Kaum
Vielleicht muss es laut sein,
damit es still werden kann.
Vielleicht braucht es krachende Wellen
und scheppernde Sonnenschirme,
die über den Südstrandparcours jagen,
Menschen in Aufruhr,
die nach Hause wollen.
Zu retten, was noch zu retten ist.
Vielleicht muss dir der Wind durch die Haare fahren,
nicht sanft, sondern grob.
Grob und gut.
An dir rütteln und reißen,
damit es ruhig wird in dir.
Er weiß, was er tut.
Kennt dich besser als irgendwer sonst.
Vielleicht musst du sehen,
wie sich die ganze Insel biegt im Sturm,
Deichgras, Bäume, Markisen, die brechen.
Du hörst ihr knackendes Geräusch,
während sie sich ergeben.
Damit du loslässt.
Vielleicht stellst du dich dann,
so wie du bist,
ohne Schirm, der sinnlos wäre,
in Sandalen und Jeans
hinaus.
Obwohl dich alle für verrückt erklären,
sich an die Stirn tippen,
die ist wohl nicht von hier,
stellst du dich mitten
in den Orkan
und streckst die Arme aus.
Nicht um zu fliegen –
aus dem Alter bist du raus.
Um den Widerstand zu spüren,
der dich hält
und die kalte Luft,
die deine Wangen trotzdem erhitzt.
Deshalb kommst du Jahr um Jahr hierher zurück.
2. Preis
Ein Inselgedicht – Joshua Clausnitzer
Wenn wild das Meer ans Ufer rennt
und Gischt wie Asche fliegt im Wind,
wenn Sturm die letzten Gräser brennt,
beginnt, was hier die Nächte sind.
Die Möwen jagen schräg und laut,
der Horizont verliert das Ziel,
die See in grauen Tüchern traut
dem Land nur flüchtig ihr Profil.
Die Dächer ducken sich im Takt,
vom Regen schwer, vom Wind zerzaust.
Ein Boot, das an der Kette knackt,
erzählt, wie sehr es Heimat braucht.
Doch wenn der Sturm sich müd’ verzieht
und Ruhe in den Himmel steigt,
wenn über Sand ein Schimmer zieht
und Licht die Dünen sanft erreicht,
dann atmet Föhr wie neu geboren,
im Seidenlicht des Morgens klar.
Der Wind, eben noch unverfroren,
streicht zärtlich durch das Heidehaar.
Und aus der Stille wächst ein Klang,
so leise, dass ihn kaum wer hört –
ein Flüstern, das dem Sturm entsprang
und tief im Innern weiterführt.
Im Gleichklang dieser alten Kräfte,
aus Brandung, Schweigen, Salz und Licht,
bewahrt die Insel ihre Kräfte
und geht – doch eilt und zittert nicht.
3. Preis
Rossschädel – Anna Derksen
Der Wind kam vor dem Wasser
Er schlug die Türen aus den Angeln
und die Vögel aus der Luft
Dann hob das Meer die Felder an
spülte Gras und Vieh
und den Glauben fort
Ich schloss das Haus
Flüsterte die Worte
die meine Mutter sprach
beim Tod der Kühe
bei schwerem Eisgang
als meine Schwester im Kindbett lag
Aber es kamen keine Worte zurück
Ich brachte die Kinder auf das Dach
deckte sie mit Säcken
tat, was man tut
Das Vieh schrie unten
Dann war es still
Zwei Nächte Wasser
Holzbalken wie Kreuze
die schwimmen
Am dritten Morgen
ging ich hinunter
durch Schlamm und Fischleiber
Vor der Warft
ein Rosskopf
bleich wie Milchglas
die Zähne fest im Biss
Ich sah ihn an
so wie er mich
Keiner von uns war gegangen.